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Indonesien

Romana Lührmann | 2016 | Asien
Romana Lührmann, Indonesien, Kindergruppe
Romana Lührmann, Indonesien

Über meinen Einsatz

Visaantragsformulare, Kulturschockkurvendiagramme, seitenlange Impfempfehlungen, Reiseroutenkostenvoranschläge und mitternächtliche Kurzpanikattacken. Ja, bevor man tatsächlich im Flugzeug sitzt gibt es schon den einen oder anderen Moment voller Zweifel. Heute, fast ein halbes Jahr und so viele unglaubliche Erfahrungen und schöne Momente später, fangen die schlaflosen Nächte wieder an, denn ich stehe kurz vor meiner Abreise und muss Indonesien, mein mittlerweile gefühlsmäßiges zweites Zuhause, mit schwerem aber überglücklichem Herzen wieder verlassen.

Ich wusste schon immer ganz genau, dass ich raus in die große Welt wollte, am liebsten gleich nach überall!

Irgendwie und mit ganz viel Bauchgefühl habe ich mich dann für Indonesien entschieden und bereue diese Entscheidung nicht einen einzigen Moment. Vor der Abreise versucht man sich gut vorzubereiten, schön die dicken Kultur- und Reiseführer durchzuwälzen und kennt ungefähr die ersten tausend Bilder, die erscheinen, wenn man „Indonesien“ bei Google eingibt. Trotz einer gewissen Vorahnung, hat mich das laute, heiße und unglaublich bunte Jakarta nach zwei eisigen Tagen in Flugzeugen und Flughäfen natürlich trotzdem ziemlich überrumpelt. Und nachdem ich es, schwitzend, ängstlich und müde, doch in eines der empfohlenen Taxis und schließlich bis in mein Hotel schaffte, begann eine der längsten Nächte meines Lebens. Wieso gibt es keine Fenster, wo ist die Luft zum atmen, was wollen bloß alle von mir? Die Zeit bis ich dann tatsächlich in Semarang, der Stadt die für die letzten sechs Monate mein Zuhause war, angekommen bin, erscheint mir bis heute ein bisschen unreal.

Romana Lührmann, Indonesien, Selfie
Romana Lührmann, Indonesien

Im Projekt

Sobald ich aber einen Fuß in das Office von meiner Organisation hier setzte, begann das volle Leben und ich fühlte mich auf Anhieb in der relaxten und freundlichen Atmosphäre wohl. Die erste Woche voller neuer Eindrücke und Erkenntnissen erschien mir ewig, blicke ich jetzt zurück, scheint die Zeit aber zu rasen und ich kann es gar nicht glauben, dass ich kurz vor dem Ende meines Indonesienaufenthalts stehe und mein schon so alltägliches Leben hier wieder verlassen muss. Nach der Einführungswoche wurde ich zu meinem Projekt gebracht und lernte meine Gastfamilie kennen, beides ein Volltreffer. Jeden Morgen, wenn ich den Schulhof betrete, laufen mir strahlende Kinder entgegen und schütteln mir mit breitem grinsen die Hand und von überall ertönt es „Good morning, Miss Romi“. Die meiste Zeit unterrichte ich gemeinsam mit zwei Englischlehrerinnen, mit denen ich mittlerweile zu einem guten Team gewachsen bin und auch außerhalb der Schule viel unternehme. Natürlich ist es am Anfang schwer. Ich war mir nicht sicher, was von mir erwartet wurde, ob die Kinder mich verstehen oder ob ich, so frisch aus der Schule überhaupt schon als Englischlehrerin taugte. Mit jeder erfolgreichen Stunde und dem Gefühl, tatsächlich etwas beizutragen, wuchs aber mein Selbstvertrauen und ich fühle mich heute als ein Teil dieser Schule.

„Natürlich ist es am Anfang schwer“

Ich habe wahnsinnig liebe Lehrerkollegen, die mich permanent zu verschiedenen Dingen einladen und meine Gastmutter, die ebenfalls in dieser Volksschule unterrichtet, ist einfach der Wahnsinn. Ihre und mittlerweile meine Familie hat mich unglaublich lieb empfangen und alles in ihrer Macht stehende getan, damit ich mich wohlfühle. Mit meiner Gastmutter philosophiere ich oft über Gott und die Welt und meine Gastgeschwister haben angefangen mich als große Schwester zu sehen.
Die ersten Monate verbrachte ich damit, mich an all die neuen Dinge und Umstände zu gewöhnen und sah mich selbst von Tag zu Tag ein bisschen indonesischer werden. Ich liebe es, am Boden sitzend um fünf Uhr morgens Reis, Fleisch und Gemüse mit den Fingern zu essen, wundere mich nicht mehr über komische Fragen über Duschgewohnheiten und mein Lieblingsessen, habe mich an die indonesische Zeitlosigkeit gewöhnt und lache mindestens ebenso viel wie die Menschen hier.
Natürlich war aber nicht alles immer happy-peppy. Klar hatte ich Heimweh, habe mich fremd gefühlt, durchblickte das indonesische Kommunikationsverhalten in vielen Situationen nicht und wollte einfach nur an einen Ort, an dem mich nicht jeder anstarrt und ein Foto mit mir machen möchte. Dieses Momente gehören aber wohl auch zu einem kulturellen Austausch und ich kann euch sagen, nach einer schlaflosen Nacht mit Träumen von Käsebroten und Schnee, geht wieder die Sonne auf und das nächste wundervolle Erlebnis, das einen wieder verliebt in dieses Land macht, kommt daher spaziert.

Romana Lührmann, Indonesien, Strand
Romana Lührmann, Indonesien

Persönliches Wachstum

Neben dem vollen aber dennoch entspannten Arbeits- und Familienleben hatte ich auch viel Freizeit, in der ich viel gereist bin, unglaubliche Orte gesehen habe und eine Menge neuer Freundschaften geschlossen habe. Ich würde einige der Leute hier meine besten Freunde nennen und ihr könnt euch sicher vorstellen, wie schwer es mir fällt, mich von all diesen neuen Freunden und Menschen in meiner neuen Zweitfamilie, die mir so unglaublich ans Herz gewachsen sind, zu verabschieden. Erst letztens habe ich zu meiner Freundin ganz ohne nachzudenken gesagt: Hey, und was wenn ich Österreich jetzt nicht mehr so toll finde und einfach nur nachhause möchte?“.
Ich finde, Indonesien ist ein unglaublich freundliches Land, mit unüberschaubaren Mengen an Mopeds, Reis, traumhaften Stränden und lachenden Menschen. Ich fühle mich in dieser so anderen Kultur wahnsinnig wohl und gehe mit so viel mehr als nur meinem Rucksack im Gepäck nachhause. Doch ein Ende ist doch immer auch ein neuer Anfang und ich freue mich jetzt schon auf all die anderen Orte und schlaflosen Nächte, die diese Welt für mich bereit hält, obwohl es mit Sicherheit ein sehr tränenreicher Abschied wird und Indonesien für immer mein erstes zweites Zuhause bleiben wird. Ich mir aber auch sicher, dass diese unglaublichen sechs Monate nicht mein letztes mal in diesem schönen Land waren. Sampai jumpa lagi Indonesia, bis bald!